02. November 2010 14:57
Von: Wolfgang Reetz

Die gar nicht neue Macht des Mitarbeiters

Es gehört zu den Üblichkeiten, dass Unternehmen propagieren „Unsere Mitarbeiter sind uns das Wichtigste“. Gleich, ob nun in werbewirksamen Foldern, in Anzeigen oder auf großer Tafel im Foyer des Unternehmensgebäudes: Die Aussagen gleichen sich – und ebenso die Widersprüchlichkeit von Wort und Tat.

Das hat lange funktioniert, kritisch könnte man ergänzen: Zu lange. Kaum ein Treppengespräch, das diese Thesen ausließ, kaum ein Gespräch mit den Mitarbeitern, das diese Aussagen nicht fehlender Tatsächlichkeit überführte, kaum ein „Flurfunk“- Beitrag, der dies nicht direkt oder indirekt thematisierte. Mit Ausnahmen, natürlich – und genau diese ausgenommenen Unternehmen sind es, die heute auf hoch motivierte, engagierte, loyale Mitarbeiter zurück greifen und sich auf diese verlassen können!

Diese Unternehmen haben sich für ihre Crew engagiert, sie haben investiert in eine Firmenkultur, die auf Wertschätzung aufbaut, die den Menschen hinter dem Mitarbeiter sieht, Begriffe wie „Führungskultur“ und „Teamkultur“ sind ihnen in ihrer Bedeutung geläufig, sie haben (oft antizyklisch) gefördert und erkannt:

Spitzenleistungen und die Sicherung des langfristigen Wettbewerbserfolgs sind nur mit Mitarbeitern möglich, die ihre Motive, ihre Bedürfnisse, ihr Können und ihr Wollen aktiv in das Unternehmen einbringen um zu erreichen, was heute Maßstab aller Dinge ist: Zahlen.

Alles wird an ihnen gemessen, alles wird von ihnen abgeleitet – und allzu häufig doch übersehen: Zahlen entstehen nicht durch Urknall, Zahlen werden verursacht. Verursacht und erreicht durch eben die Menschen, die im und für das Unternehmen tätig sind. Wo liegt nun der Sinn, wenn ich mich um das Ergebnis einer Sache mehr kümmere als um die Ursachen hier: Verursacher?? Zudem: Zahlen sagen immer, was (ex post) erreicht wurde – nie jedoch, was hätte (ex ante) erreicht werden können.

Jetzt, da sich die „Großwetterlage“ demografisch (was wenig überraschend ist) wie auch konjunkturell ändert, stehen die Unternehmen in der Sonne und ernten, was sie in schwieriger Zeit ausgesät haben, die sich um die Verursacher antizipativ und proaktiv gekümmert haben.

Doch sind da die anderen, die, die jetzt und in den nächsten Jahren hohe Anstrengungen unternehmen müssen um zu heilen, was in den letzten Jahren wenig Beachtung fand als Mitarbeiter „eben da waren, weil sie ja da sein müssen“. Die mal eben ausgetauscht werden konnten, weil die Nachfolger schon vor der Tür warteten.

Jetzt entscheiden zunehmend andere Kriterien über das Engagement des Mitarbeiters, die „Machtverhältnisse“ wandeln sich. Jede seriöse Untersuchung stellt fest: Mitarbeiter, und hier insbesondere die guten, sind wechselbereit und machen diesen Wechsel ganz besonders von Umfeldfaktoren abhängig. Stichworte wie „Führungskultur“(wofür es persönlichkeitsstarke Führungskräfte braucht....), Förderkultur und Klima rücken in den Vordergrund, der Mitarbeiter beginnt, seine Macht auszuspielen. Verständlicher Weise, möchte ich hinzufügen, und in der Vergangenheit „kulturpassive“ Unternehmen (bzw. die dort verantwortliche handelnden Menschen ) sehen sich nun mit den Folgen ihrer „Täterschaft durch Unterlassen“ konfrontiert.

Doch was bedeutet das in der Konsequenz?

Mitarbeiter, die das für sie wichtige und richtige Umfeld nicht vorfinden, „strecken ihre Fühler“ aus. „Endlich“, so sagen mir viele, „habe ich eine Chance, das Unternehmen zu verlassen!“ und weiter: „Ich muss nicht bleiben, sondern ich kann mir das Umfeld suchen, in dem das Arbeiten Spaß macht!“ So banal es klingt, so wahr ist es: Wenn Arbeit Spaß macht, stimmen die Ergebnisse. Es ist  nicht lange her, dass ein Seminarteilnehmer mir sagte: „Ich habe aufgehört zu arbeiten. Ich mache, was mir Spaß macht“ – nachdem er in ein anderes Unternehmen gewechselt hatte, in das er sich „unter vollem Dampf“ einbringt. Einfach, weil es Spaß macht. Geld hat dabei im übrigen keine Rolle gespielt, im Gegenteil. Wertschätzung und Respekt dagegen waren Schlüsselindikatoren.

Ist es nicht so, dass Menschen sich quälen für eigentlich „unsinnige Dinge“ und dafür sogar viele Mittel aufwenden? Warum sonst trainieren Menschen (und hier sind nicht Profis gemeint) drei Mal pro Woche oder sogar täglich, um einen  Marathon zu schaffen? Warum holen Menschen das letzte aus sich heraus, um auf dem Everest zu stehen? Warum trauen sich Menschen Dinge wie Heli-Jumping, die ihnen eigentlich Angst machen?

Weil sie die Möglichkeit haben, weil sie darüber erreichen, was Ihnen individuell wichtig ist und weil es ihnen Spaß macht. Das, und nur das sind die auslösenden Momente.

In der Summe ist festzustellen:

  • Unternehmen, die sich nicht wirklich für die Mitarbeiter engagieren, verlieren zunehmend ihre Stützen bzw. bleiben erfolglos bei der Suche nach neuen.
  • Unternehmen, die sich bisher (aus welchen Gründen auch immer) „eher zurückhaltend“in ihrem Engagement gezeigt haben, sollten jetzt handeln.
  • Unternehmen, die sich bisher engagiert haben und den Lohn dafür ernten, sollten am Ball bleiben um den Erfolg langfristig zu sichern.

Überflüssig, jetzt noch an dieser Stelle das notwendige Handeln von Unternehmen zu beschreiben.......fachlich ausgedrückt klingt das so: Der Mensch handelt motiviert und engagiert, wenn ihm die Befriedigung mindestens eines seiner Hauptmotive in Aussicht gestellt wird. Nur: Dafür muss ich die  Motive kennen (Führungsaufgabe), dafür muss ich mich für den Mitarbeiter als Mensch interessieren (Führungsaufgabe), dafür muss ich ihm die Plattform  geben, die die Befriedigung seines Motivs ermöglicht (Unternehmensaufgabe).

Dann bleiben die Guten und es kommen neue hinzu, dann wird der Erfolg des Unternehmens auch langfristig auf gute Füße gestellt.

Daran zu arbeiten mag auch im spezifischen Umfeld des Lesers notwendig, sinnvoll und vor allem dringlich erforderlich sein: Dann sollten Sie jetzt handeln.


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